FRAGEZEICHEN oder LIEBEN SIE JEMAND?

Frisch – in bester Weise Max Frisch – ist ein angemessenes und gleichermaßen unzureichendes Prädikat für die neue Inszenierung „Fragezeichen“ vom theater der stadt Gotha.

GOTHA. Als Besucher einer der letzten Durchlaufproben vor der Premiere des Stückes, war ich nicht ganz frei von Sorge. Der Stoff, der sich an den Fragebögen aus den Tagebüchern des Schweizer Literaten orientiert, legt einem subtil das Heft einer Moralkeule in die Hand und die Kunst damit zu hantieren, aber diese nicht zu schwingen, erfordert gleichermaßen subtilen Umgang in der Inszenierung. Doch ich darf bereits an dieser Stelle festhalten, diese Sorge ist rasch verflogen.

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Das durch die Regie und das Schauspielerensemble recherchierte, interpretierte und erarbeite Stück fügt sich aus den existentiellen und philosophischen Fragen Max Frischs aus seinen „Tagebüchern 1966- 71“, Lebens- und Werkinformationen des Literaten und Architekten, Rousseaus „Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes“ und den Funden des Ensembles auf der Suche nach Definitionen und Antworten zusammen. Dabei werden in Anlehnung an die literarische Vorlage Frischs philosophische und szenische Schwerpunkte gesetzt und u.a. Fragen nach Sinn, Bedeutung und gesellschaftlichem Rollenverständnis von Leben, Hoffnung, Freundschaft, Werten, Humor und dem Tod gestellt. Dies alles scheinen nicht die richtigen Komponenten für einen dramatischen und unterhaltenden Theaterabend zu sein, dass sie es doch sind, beweist diese Inszenierung.

In einer Mischung aus szenischem Vortrag, performativem Schauspiel, literarisch-philosophischem Quintett, Elementen einer FernsehQuizShow und Definitionsversuchen auf Text- und Wortspielplätzen – eingebettet in eine gesamtmusikalische Komposition – entsteht eine gleichermaßen theatralische Komposition aus Intelligenz, Anspruch, Schauspiel und Unterhaltung. Herausgestellt sei hier nochmals die musikalische Komponente der Arbeit, die das gesamte Stück umrahmt und in einem hymnischen Opus eines Gesellschaftsvertrags mündet, welcher mir neben dem Genuss seiner gesanglichen Qualität ein dauerndes Schmunzeln des inhaltlichen Wohlgefallens abgerungen hat. Gleichermaßen wohltuend war die gesetzt Verwendung von Bühnenbild und technischen Mitteln, die einfach immer eine inhaltliche Begründung finden.

Die schauspielerische Leistung des Ensembles war höchst beeindruckend. Was das Spiel der fünf jungen Darsteller deutlich prägte, war ihr Wissen um das, was sie spielen respektive vortragen. Dies unterstreicht die Bedeutung des gemeinsamen Erarbeitungsprozesses und die dazu erforderliche Zeit solcher Eigenproduktionen insbesondere auch für die Qualität der Darstellung. Dass zu diesem Zeitpunkt der Proben noch nicht alles perfekt ist, soll natürlich nicht verschwiegen werden. Es gab folglich auch noch einige Momente der Schwäche im Stück. So wirkte der Anfang um den Anfang – eine ausgelassene Wortspielerei um die Anfänge und das endlich anfangen müssen – anfänglich etwas überdehnt. Ob dies tatsächlich an einer textlichen Überfrachtung lag oder lediglich die Tempi und Anschlüsse der Darsteller noch nicht perfekt abgestimmt waren, wird spätestens die Premiere zeigen. Auch in der Szene der Quizshow fehlten noch die Routine und das Tempo, die eine improvisierte Situation und somit den televisionären Live-Moment gekonnt herstellen. Dadurch verwischten sich Sprache und Spiel und somit die Möglichkeit des Zuschauers den Inhalten und Informationen in jeder Phase zu folgen.

Letztlich war ich jedoch der Gast einer Probe und mein anfängliches Fazit bleibt unberührt. „Fragebogen“ ist eine beeindruckende, sehenswerte, informative und außerordentlich gut unterhaltende Neuinszenierung des jungen Ensembles vom theater der stadt Gotha – eine gelungene und zeitlose Hommage an Max Frisch. Die Premiere am Samstag, den 28.01., 20:00 Uhr in Gotha sollte sich keiner der kann, entgehen lassen. Leider können dies nur diejenigen, die jetzt bereits Karten haben, denn die Premiere ist zu Recht bereits seit Wochen ausverkauft. Ich empfehle also umgehend Karten für die nächsten Vorstellungen am 02. und 03.02. zu erwerben. [mb]

p.s. SIND SIE SICHER, DASS SIE DIE ERHALTUNG DES MENSCHENGESCHLECHTS, WENN SIE UND ALLE IHRE BEKANNTEN NICHT MEHR SIND, WIRKLICH INTERESSIERT?

p.p.s. ICH PERSÖNLICH HABE MEINE AUSGABE VOM VERLAG VOLK UND WELT (1988) WIEDER AUS DEM BÜCHERSCHRANK GEZOGEN. ABER ES GIBT AUCH AKTUELLE AUSGABEN DER TAGEBÜCHER VON MAX FRISCH – GÖNNEN SIE SICH DOCH EIN PAAR FRAGEN!

p.p.p.s. GLAUBEN SIE, DASS DAS LAND THÜRINGEN FINANZIELL GERETTET WIRD, INDEM WIR KINDERN, JUGENDLICHEN, BÜRGERN DIE MÖGLICHKEITEN DER AKTIVEN KULTURELLEN TEILHABE KÜRZEN?

p.p.p.p.s. LETZTER HINWEIS AN DIE TECHNIK: DER PROJEKTOR HAT UNABHÄNGIG VON MEINER SITZPOSITION STARK GEBLENDET!

4 Kommentare

  1. Es erfreut mich sehr das hier der Versuch unternommen wird das zu leisten was mir in Thüringen immer wieder fehlt: Stückkritiken. Und es scheint sehr richtig, dass sich in solch einer Arbeit auch der Autor als solcher zu erkennen gibt (so wie es im Text geschieht), nur würde ich mir wünschen das dies auch Konsequenz in seiner gesamten Form trägt. Kurz gesagt: Diese Mühe verdient einen Absender.

      • okay, das hat jetzt doch noch mal ein bißchen gedauert bis ich das zusammen getragen hatte. das kürzel im text liest sich wie ein fehler im code und wurde deshalb schnell von mir überlesen und das dann noch mit einer weiteren seite zusammen zu bringen hat auch noch einmal gedauert, da die navigation hier sowohl seitlich als auch übergeordnet läuft.

        es scheint auch ein bißchen gedoppelt in einem blog (der ja schon einen autoren: theatriumblogger01, angibt) ein zweites autoren-erkennungssystem zu installieren. – im fall von zitaten macht es sinn, da sind die unterzeichnungen auch zu ausführlich um einfach übersehen zu werden. – ich denke aber, insofern stückkritiken häufiger zu erwarten sind, wäre es bedenkenswert das durch wordpress angebotene autorensystem zu nutzen. das ermöglicht es auch alle artikel eines ‚autoren‘ aufgelistet zu bekommen. was letztlich für leser als auch für potentielle autoren die attraktivität steigern könnte. (ich kann zum Beispiel nur die Artikel meines lieblingskritikers abonieren usw.) kritik mit gesicht halte ich für diskursfördernd. aber vielleicht steigere ich mich da auch einfach zu sehr hinein…

        danke für die schnelle reaktion.

      • wir nehmen jede anregung gern auf … und ich (wir) lerne(n) auch immer gern hinzu und dringen immer tiefer in die möglichkeiten von wordpress ein …

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