STADTTHEATER IM BELAGERUNGSRING

Das regelmäßige Studium der Leitartikel der Zeitschrift „Bühnengenossenschaft“ (HIER VERLINKT) verschafft Einblicke in die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Stadt- und Staatstheater – zumindest aus der jeweiligen Autorensicht. Zumeist manifestiert sich (wie auch im Leitartikel Februar) eine – sicher nicht unbegründete – frostige Verhärtung in den Positionen und ein ausgeprägtes Feindbild. Die Freie Szene und das Kulturmanagement werden als selbsternannte oder selbsterkannte Gegner der Stadt- und Staatstheaters betrachtet und die eigene Rolle als Verteidigungsschlacht unter Dauerbelagerung stilisiert. Soweit zu einer möglichen Wahrnehmung der – unter dem Einfluss von Schulden-, Euro-, Finanz- und Haushaltskrisen – deutlich verschlechterten Situation in der Kultur- und Theaterlandschaft.

Aus ganz persönlicher Sicht möchte ich bereits an dieser Stelle festhalten.: Ich erklärte mich nicht zum Gegner der Stadttheater und überlasse dies auch nicht anderen, nur weil ich auf dem freien, theatralen Felde ackere. Im Gegenteil, ich halte sie für eine fundamentale, kulturelle Errungenschaft und bin – wenn sie so mit ihrer Region verwachsen, wie jenes vor meiner Bürotür – stets ihr treuer Fan. Dies bedeutet andererseits nicht, dass ich einen gänzlich unkritischen Blick auf „das System“ Stadttheater und die bestehende Förderpraxis habe oder haben muß. So erscheint mir die hauptsächlich überregionale Bedeutung eines Theaters eben nicht als das entscheidende Kriterium für die besondere monetäre Förderwürdigkeit des Landes. Auch hier sage ich: ganz im Gegenteil. Ein hauptsächlich regional bedeutendes und verwurzeltes Theater mit aktivem Engagement für seine Bürger ist für mich – auch aus Landessicht – besonders förderwürdig. Als Basiskulturnik habe ich hier wohl zwangsläufig einen anderen Fokus. Doch soll dies nur zur Bestimmung der Ausgangsposition dienen.

Aus Sicht der freien Szene – und dies sowohl für ihre professionelle Ausrichtung, wie auch für seine Amateurensembles – leiten sich aus den Wahrnehmungen, wie sie in o.g. Leitartikeln reflektiert werden, eigene Fragen und eigene Wahrnehmungen her.

Woher rührt die scheinbar, antagonistische Widersprüchlichkeit von etabliertem Staats- und Stadttheatersystem und ebenso etablierter freier Szene? Der Verzicht auf die Auseinandersetzung über den historischen Kontext und die offenkundigen Unterschiede in den Dimensionen und Arbeitsweisen gleichermaßen, wie auf einen Diskurs zu Innovation, Inhalten, Anforderungen oder Ansprüchen verkürzt diesen Beitrag erheblich und erlaubt die vereinfachte Feststellung: Beide Theaterformen (hier nochmals verkürzt auf eine „freie“ und „institutionalisierte“ reduziert) repräsentieren zwei anerkannte und berechtigte Möglichkeiten des kulturellen Engagements und der Theaterarbeit. Der einseitig beneidete Unterschied, der auch als das mögliche Motiv des Dissenzes herzuhalten vermag, ist die jeweilige monetäre Ausstattung und die Möglichkeiten und Bedingungen zur Erlangung einer dahingehend möglichst soliden Basis.

Hier muß man der freien Szene einen neidischen Blick auf die Stadttheater zusprechen, aber auch erlauben! Die finanzielle Unterstützung der freien Szene, ob für Profis oder Amateure ist bescheiden und steht i.d.R. in keinem proportionalen Verhältnis zu den Leistungen und Angeboten. Hier bietet sich also ein mögliches Motiv für die diagnostizierte „Feindschaft“ der beiden „Theatersysteme“: die Todsünde Neid. Dass soziokulturelle Zentren in NRW mit ihrer „Neidkampagne“ genau dieses Motiv nochmals unterstützen, kann man als gleichermaßen zornig, naiv, fatalistisch und angemessen beschreiben. Die Einrichtungen (und dies gilt für das gesamte Bundesgebiet mit sicher marginalen Unterschieden) sind seit Jahren unterfinanziert; so es über Honorartätigkeit hinausgehende Beschäftigungsmodelle gibt, sind sie i.d.R. befristet und weit von tariflichen Regelungen entfernt; „Planungssicherheit“ besteht maximal für das laufende Jahr; Aufgaben und Angebote wachsen bei gleichzeitig stagnierenden oder rückläufigen Förderungen; in den Kulturetats sind Soziokultur und freie Szene noch immer Promillepositionen … Warum also nicht ein wenig neidisch sein?!

Warum aber überhaupt sein?! Soziokulturelle Zentren, freie Bühnen, Amateurtheater und andere künstlerisch-freie Initiativen sind aus einem bürgerschaftlichen und freien Engagement von Kulturschaffenden und kulturinteressierten Bürgern entstanden, die Kultur als aktiven Teil ihres Lebens sahen und sehen und den Künsten und Künstlern freie Räume zur Emtfaltung und den Menschen Angebote zur aktiven kulturellen Teilhabe und kreativen Selbstverwirklichung bieten mochten. „Kultur für alle“ war ein Leitmotiv dieser Entwicklung, die im Zuge ihrer Forcierung und Etablierung auch politisch als gesellschaftlich relevant erkannt wurde und letztlich zu einer veränderten Förderpolitik führte, die auch diese kulturelle Arbeit in den Kanon der Förderwürdigkeit aufnahm. Die Expansion im kulturellen Bereich durch die freie Szene war und ist motiviert durch ein Bedürfnis und ein Grundrecht auf kreative Verwirklichung und aktive kulturelle Teilhabe sowie jene Menschen, die hinter diesen Einrichtungen, Bühnen und Ensembles stehen bzw. die durch diese erreicht werden. Zahlreiche der so entstandenen Einrichtungen sind weit mehr als Kulturstätten, sondern Orte von sozialem und bildungsrelevantem Engagement sowie Generationen übergreifender Ehrenamtsarbeit. Sie sind Orte kontinuierlicher, kultureller Bildung und kreativer Verwirklichung. So ist jedes Kinder- und Jugendtheater, jedes Amateurtheater ein Bürgertheater, für das dieser Umstand gleichsam existentielle Grundbedingung ist. Man muß der freien Szene somit zugestehen, dass sie aus fundamentalen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedürfnissen und Erfordernissen heraus entstanden ist und existiert. Dass sich – auch Dank einer geänderten Förderpraxis – diese Einrichtungen verstetigen, wachsen und zu festen Institutionen einer Basiskultur werden, ist ein positives und wichtiges Signal für eine Gesellschaft, die andererseits einen Verfall in Werte-, Bildungs- und Kulturentwicklung seiner Bürger beklagt.

Kommen wir jedoch zur scheinbar vordringlichen Problematik zurück – die sich darin zusammenfassen läßt, dass es offenkundig an allen Enden des Kulturschaffens am Geld fehlt. Symbolträchtig verengt sich die Debatte auf den exemplarischen Satz aus dem letzten Leitartikel der Genossenschaft: “ … Dieser demokratische Willensentscheid, an diesen Kultureinrichtungen festzuhalten, muss von den erklärten Gegnern des Staats- und Stadttheatersystems respektiert werden – auch wenn er ihrem Expansions- oder Überlebenswillen entgegensteht.“ Dies ist fraglos eine vortreffliche Schwarz-Weiß-Kopie der Realpolitik. Sie kulminiert in der Erkenntnis: Was hier gebraucht wird, ist alles was wir haben (oder: …, muss dort weggenommen werden) –  bzw. – Bevor es uns ans Leder geht, geht ihr drauf! [Die hier implizierte, (un)erklärte Gegnerschaft zwischen den „Systemen“ möchte ich ausblenden, da ich sie für meinen Teil nicht empfinde und erkenne. Erkennbar ist lediglich Kritik an gewissen Erscheinungen und Erfordernissen in Teilen der Stadt- und Staatstheater, die man diskutieren aber nicht auskämpfen sollte]. Hier stellt sich vorerst allein die Frage: Geht die Arbeit der einen tatsächlich auf Kosten der anderen?

Die sicher verkürzte Fragestellung ebenso verkürzt zu beantworten, hieße: Nein!

Tatsächlich wächst der Bedarf an finanziellen Mitteln in der Kultur. Einerseits auf Grund der permanent steigenden sachlichen Kosten in allen Bereichen, andererseits durch ein Wachstum in den Aufgaben und Angeboten insbesondere auch innerhalb der freien Szene. Gleichzeitig werden Spardiktionen und Wirtschaftslichkeitsmaximen zu neuen Dogmen der kulturellen Arbeit. Durch die Krisen und Schuldenpolitik der vergangenen Jahre und Monate verstärkt, treten nun freie Träger und institutionelle Theater zunehmend in eine „direkte Konkurrenz“ bei der Verteilung der verbleibenden Mittel bei Kommunen und Land. Diese „Konkurrenz“ bekommt jedoch groteske Züge, wenn die – sowohl finanziell, wie auch in der Lobby- und Öffentlichkeitswirksamkeit deutlich vernachlässigte – freie Szene als rüder Belagerer in den Gräben rund um das sich ehrhaft verteidigende Stadttheater gezeichnet wird. Eher bedauernswert wird dieses Bild, wenn man bedenkt, mit wie wenig Mitteln der freien Szene bereits geholfen wäre. Steigen wir also aus den Gräben heraus in die wir gelegt wurden und spiegeln eine (vielleicht partiell utopische) Realität.:

Ja, es gibt Kritik am Stadt- und Staatstheatersystem (auch von Seiten der freien Szene). Und ja, es bedarf einer weiteren kulturpolitischen Debatte und der Auseinandersetzung zu Entwicklungen und Erfordernissen der heutigen Kulturzeit in der Theaterlandschaft.

Ja, über die Zukunft des Theaters entscheidet auch, welche kulturellen und gesellschaftlichen Prioritäten in der Förderpolitik gesetzt werden. Und ja, die beiden „Theatersysteme“ haben hier durchaus differenzierte Intentionen und Selbstverständnisse.

Ja, es muss mit finanziellen Einschnitten gerechnet werden, wo doch der finanzielle Bedarf eher größer ist. Aber nein, man muss diese nicht bereits geistig vorwegnehmen oder gar widerspruchslos hinnehmen.

Und ja (und ganz im Eigensinne), es wäre schön, wenn die freie kulturelle Szene endlich nicht nur eine vollmundige sondern auch vollwertig finanzierte Würdigung erfahren könnte.

Nein, wir müssen uns deshalb nicht als totalitär ausschließende Systeme betrachten. Und nein, es muss nicht erst ein System sterben, damit das andere überleben kann.

Kooperationen zwischen freier Szene und Stadttheatern können sicher Erfahrungshorizonte ausdehnen und gegenseitig befruchten. Ob man Lösungen zu den aktuellen Fragen und Debatten in den temporären und exemplarischen Kooperationen von Stadttheater und freiem Theater findet, mag indes bezweifelt werden. Das neue Programm „Doppelpass“ der Kulturstiftung des Bundes  schafft befristete Zustände und es bleibt abzuwarten, ob diese ernstzunehmende Antworten im Blick auf eine Weiterentwicklung der gesamten Theaterlanschaft bergen. Die im Leitartikel der Bühnengenossenschaft gestellte Frage: Was nach dem Ende der Förderung bleibt, ist berechtigt, denn es gibt Anlass und Grund für die Existenz beide Formen, die letztlich nur durch Hinwendung zu der einen oder anderen Form vereinbar sind.

Es bleibt das Fazit: Es gibt treffliche Gründe für beide Theatersysteme und gleichermaßen Gründe für deren Bewahrung. Natürlich werden wir uns primär um die Wahrung und weitere – auch monetäre – Anerkennung der freien Szene bemühen. Aber im Gegensatz zur Pflicht eines jeden Stadtrates oder Landespolitikers sehen wir es nicht als Aufgabe der Kultur an, die Gegenfinanzierung für erforderliche respektive gewünschte Förderungen aufzuzeigen. Es ist lediglich erforderlich, auf deren Notwendigkeiten zu verweisen und die Bedeutung der eigenen Arbeit für ein Kulturland von Morgen zu manifestieren. Dies vermögen wir, ebenso, wie die Aufgaben einer staatlich subventionierten Kultur zu erfüllen und den gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, ohne dabei die Freiheit der Künste aufzugeben.

Ich sehe uns darin nicht im Widerspruch zu den Stadttheatern.

Ich werde aber den Klappspaten bereithalten.  Für den Fall das Gräben gezogen werden sollen oder wir gemeinsam Kleckerburgen bauen wollen … [Mathias Baier]

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