DIE FROSCHKÖNIGIN ODER HORCRUXSUCHE IM RUSSISCHEN MÄRCHENWALD

Nun habe ich beinah ebenso lang gebraucht, diesen Artikel zu schreiben wie ich brauchte, Gast der Inszenierung „Die Froschkönigin“ vom theater der stadt aus Gotha zu sein. Dieses Bedauern besteht in doppelter Hinsicht. Einerseits war es erst eine der späten – weit über 20. – Aufführung, die ich so besuchte. Zudem versäumte ich bis dato das Vergnügen dieses Kindertheater erleben zu dürfen, welches ich mir – auch auf Grund meiner wahrhaft kurzen Anreise – hätte früher bereiten sollen. Dies aber nur im Kontext meiner versuchten Selbstläuterung.

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Das Stück, inszeniert nach dem gleichnamigen russischen Märchen ist ein wahrhaft komplex geratener Stoff. Die russische Märchenfantasie scheint sich in diesem Falle so recht in Rausch geschrieben zu haben. König, Prinzen, verwunschene und unverwunschene Bräute, die Hälfte der Tierwelt des russischen Märchenwaldes, ein finsterer Zauberer und die Hexe Baba Jaga sind Protagonisten des Stückes. Fantasie demonstriert das Märchen insbesondere in der Verkettung zur Erlangung respektive Beendigung von Kostschejs (böser Zauberer) Unsterblichkeit. Hierzu muss Prinz Iwan eine Truhe unter/auf (hier unterscheiden die literarischen Vorlagen) einem Eichenbaum finden, in welcher ein Hase steckt, in dem sich eine Ente befindet, die ein Ei in sich trägt (was natürlich ins Meer stürzt), in welchem eine Nadel steckt auf deren Spitze sich sein Tod befindet. (Eine verwirrende Aneinanderreihung von Behältnissen des Lebens, die wahrscheinlich auch J.K. Rowling als Vorlage für Voldemorts Horcruxe diente). Und erst das Abbrechen der Spitze dieser Nadel beendet das Leben Kostschejs und vereint letztlich Iwan mit der schönen Wassilissa (formerly known as Froschkönigin).

Aus diesem – hier nur unvollständig wiedergegebenen Stoff – eine dramaturgisch spannende und kurze Theaterfassung als Einpersonen-Einakter zu erstellen, war vermutlich die größte Herausforderung des Stücks. Diese Herausforderung wurde angenommen und erfolgreich umgesetzt. Das Stück besticht durch zwei Komponenten der Darbietung. Der permanente Rollenwechsel des monologischen Schauspiels bietet einen ersten spannenden Spielboden. Jede einzelne Figur wurde akribisch mit Eigenheiten versehen und für den Wechsel der Rollen immer wieder neue Spielarten gefunden. Eingedenk der Vielzahl der Rollen zeigte Maxi Warneyer als Alles-Darstellerin großes spielerisches Potential und furiose Rollenwechsel auch wenn sie wenige Male – und kaum merklich – dabei selbst in kleine Rollentaumel geriet.

Die geschickten Wechsel in der Darstellungsebene vom Schauspiel, zum Puppen- oder Schattenspiel bieten den zweiten – quasi doppelten Boden der Dramaturgie. Auch hier wurde eine dem Stück gleiche Fantasie an den Tag gelegt, die jedoch nie überbordend wirkte, statt dessen immer wieder erfrischende Momente zur Darbietung beitrug. Dass das Stück dennoch gelegentlich Dehnungserscheinungen und Interpunktionsschwächen verspüren lies, mag allein dem Umstand geschuldet sein, dass sich mit langer Spielzeit doch Ungenauigkeiten und Temposchwächen einschleichen können, die mit einer Probe und bei einer weiteren Aufführung schon wieder verflüchtigt sein können. Dies kann aber die große Spielfreude und Spielleistung der jungen Darstellerin nicht ernsthaft schmälern.

Das Stück in seiner Ausstattung – gefühlt platziert auf den Dachboden der Großmutter während der Ferien, wo man alles finden kann, um aus Decken, alten Kleidern und weiteren Fundstücken eine Bühne zu zaubern – betört durch diese kindliche Einfachheit. Selbstbemalte Pappkartons werden Hexenhäuschen aus Stoffresten werden Puppenköpfe – all dies wie von Kinderhand gemacht, verleiht dem Stück einen besonderen Charm. Leider wird dieses Bild nicht in letzter Konsequenz erhalten. Die zusätzlichen Birkenstammkonstrukte – Klar: russischer Märchenwald mit gigantischen Fliegenpilzen! – sind ein aus meiner Sicht entbehrlicher Teil des Bühnenbildes.

Das entscheidende Urteil zu diesem Stück haben jedoch die anwesenden Kindergartenkinder gesprochen, denn auf die obligatorische Frage der Kindergärtnerin: „Hat es euch denn gefallen?“ war die chorische und begeisterte Antwort ein lautes „JAAAAA“! Und dieser Meinung kann ich mich nur anschließen.

[Mathias Baier]

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