DER NACKTE WAHNSINN ODER EIN BOULEVARDSPAZIERGANG

Boulevardkomödie im TAM (Theater am Markt Eisenach) ist nicht unbedingt das, was man von den (r)evolutionären der Spielzeit 2012 erwartet. Dass sie sie dennoch auf die Bühne bringen, verspricht dass der „Nackte Wahnsinn“ anscheinend doch mehr Methode und Potentiale hat, als der pure namentliche Wahnsinn verspricht.

Das kleine Eisenacher Theater löst den Konflikt zwischen einem türreichen Bühnenbild und den beengten Raumgrenzen, indem es die kurze Seite auf die lange Seite stellt, die Zuschauer breite Sitzformationen einnehmen lässt und somit das erste Eisenacher Panoramatheater bietet. Dies führt zu leichten Einschränkungen der Sicht in Säulennähe und gelegentlicher Tennispublikumsmotorik im Zuschauerblock. Doch ist dies vernachlässigbar, schafft man so doch eine greifbare und wahrhaft körperliche Nähe zwischen Schauspielern und Publikum. Man sitzt mit einem Watzdorfer in der Manteltasche oder einem Sektglas in der Hand hier fast überall in der ersten Reihe. Theater könnte nur im eigenen Wohnzimmer noch intimer sein.

Das sicher nicht ganz unbekannte Stück von Michael Frayn erlaubt einen Einblick in und hinter das Theater und ist damit ein ewiger Stoff und Quell für Selbstreflektion und -ironie der gesamten Theatergilde. „Der nackte Wahnsinn“ ist ein Klassiker des Komödiengenres mit latenter Theatertrashverlockung und erhöhtem Klamaukrisiko. Was also hat das Theater am Markt damit gemacht?

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[Fotos: Theater am Markt Eisenach]

Mit einigen Verkürzungen wird aus dem klassischen 3-Akter in dieser Inszenierung ein gelifteter 2-Akter, der dennoch (in der von mir besuchten Aufführung) etwas schwerfällig auf Touren kam. Der erste Akt wird dennoch solide und mit reichlich komödiantischen Talent zelebriert und mit fortschreitender Spielzeit werden Spieler und Publikum so richtig warm. Fulminant wird das Spiel im zweiten Akt, der – und das ist nun einmal eine Steilvorlage für jeden Schauspieler – das Schauspiel aus der Hinterbühnenperspektive zeigt und somit einfach zum ungehemmten Spiel verlockt. Die Inszenierung des Theaters am Markt bietet eine muntere und in einzelnen Momenten wahrhaft köstliche Komödie, der es zumeist gelingt den Grat zum Klamauk nicht zu überschreiten bzw. wenn sie es tut, es in einem offenkundigen Trashbewußtsein zu arrangieren.

Der Umstand, dass insbesondere die Damen – jedoch auch einige der Herren – mit hochfrequent verstellter Stimme hysterisch oder gewollt, gerollt artikulierten, hat sich mir nicht in letzter Konsequenz erschlossen. Auf Dauer strapaziert dies nicht nur die Stimmbänder der Spieler sondern auch das Hören der Gäste. Zudem es – bei den sichtbar werdenden Potentialen einiger Spieler – dieser Stilistik gar nicht bedurft hätte. Besonders bedauerlich ist, dass eine besonders spannende Spiel- und Wechselebene des Stückes, also das Wechseln der Figuren von der Rolle zum Schauspieler scheinbar gänzlich vergeben wurde. Schauspieler und Rolle sprachen und agierten zumeist in gleicher Weise und Tonart. Und spätestens hier hätte ich mir dann den Wechsel in der Sprachverstellung gewünscht. Einzige mögliche Erklärung: Die Schauspieler spielen allein sich selbst und damit wären Rolle und Schauspieler eins. Das ist sicher eine mögliche Interpretation. Für diese Inszenierung hätte ich dessen Ausdifferenzierung jedoch wesentlich spannender gefunden.

Bei aller subjektiven Kritik müssen dennoch das gekonnte Zusammenspiel des Ensembles und ein gelungenes Theaterstück als Fazit der Inszenierung stehen. Der nackte Wahnsinn vom Theater am Markt ist eine erbauliche Komödie, die ein dankbares und köstlich amüsiertes Publikum gefunden hat und weiterhin finden wird.

[Mathias Baier]

p.s. und dieses ganz persönliche Statement darf bitte erlaubt sein: … Timo Bamberger als Selsdon ist wahrhaft der nackte Wahnsinn und ein unfassbar begnadeter Rampenalkoholiker …

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