„Mister Dynamit“ Die Entführung ins Internet – Episode 1

„Die alte Welt ist tot. Willkommen im Internet.“

[joachim dette]
[foto: joachim dette]
Diese Worte stammen von Google persönlich. Allerdings nur in der neuen Inszenierung des Theaterhauses Jena:

Mister Dynamit – Die Entführung ins Internet“.

Das Stück entstand aus einer Kooperation mit dem freien Regieteam „zweite reihe“ aus Berlin.

Wir schreiben das Jahr 1969. Mister Dynamit, ein Spitzenagent des BND, vereitelte gerade einen atomaren Schlag und sitzt, als einer von vier geladenen Gästen, in einer Talkshow. Plötzlich wird er vor laufender Kamera gekidnappt und findet sich an einem ihm unbekannten Ort wieder. Der Agent schafft es, seine Fesseln zu lösen und versucht herauszufinden, wo man ihn gefangen hält. Das Mister Dynamit direkt ins Internet entführt wurde,erfährt er noch ein ganzes Stück später als das Publikum. Während seines Aufenthalts im world wide web, wird das deutsche James Bond- Imitat mit den verschiedensten Internet-Phänomenen und -kults konfrontiert. Einer absurder als der andere. Google in Gestalt einer jungen Dame, zählt noch zu den harmloseren Erscheinungen. Wie und wieso der Agent in den Datenströmen des Jahres 2016 gelandet ist, wird ihm erst spät von einem Kollegen und einer Mitarbeiterin der NSA eröffnet. Das Stück endet jedoch kurze Zeit später, mit einem fast unerträglichen Cliffhanger. Und obwohl dieser leicht frustriert, so schafft er es um so mehr das Interesse an Episode zwei zu wecken. Es handelt sich bei dieser Inszenierung nämlich nur um den Beginn einer hoffentlich längeren Reihe von „Mister Dynamit“-Stücken.

[joachim dette]
[foto: joachim dette]
Hoffentlich deshalb, weil eine wahnsinnig interessante Idee, verpackt in eine spannende Geschichte, von großartigen Schauspielern, ungeheuer komisch dargestellt wird. Das Publikum hatte hörbare Freude an der Aufführung, denn lautstarkes Lachen war mit Abstand die häufigste Reaktion des Abends.

Auch wenn man für einige Referenzen ein wenig „youtube knowledge“ benötigt, werden auch die früheren Generationen genügend bespaßt.

Zur Einführung des Stückes kommt eine Video-Projektion der Talkshow zum Einsatz, welche den Zeit- und Ortswechsel übernimmt. Dafür das der Clip nur Hauptperson, Zeit und Situation umreißt, ist er jedoch etwas zu lang geraten.

Der Bühnenbildner Justus Saretz, kreiert ein Abbild der Oberfläche eines Desktops, welche nur aus einem Schreibtisch, einer Schreibmaschine, einem Papierkorb, einem Globus und Akten besteht. Die Installation befindet sicher auf einem drehbaren Element vor einer Wand, welche durch verschiedene Türen und Fenster zum Internet-Explorer umfunktioniert wird.

Das Stück wird auf dem Theatervorplatz in Containern aufgeführt, welche nur Platz für weniger als 50 Zuschauer bieten. Was zunächst ein wenig bedauerlich klingt, entpuppt sich jedoch als entscheidender Effekt. So wird nicht nur eine intime Atmosphäre geschaffen, sondern auch beinahe das komplette Bühnenbild in die Mitte des Publikums platziert. Der Zuschauer wird nicht nur direkt angesprochen sondern auch in die Szenerie integriert.

Ilja Niederkirchner, alias Mister Dynamit, verleiht der Inszenierung nicht nur den größten Teil der Komik sondern auch seinen Charme. Er schafft es wunderbar das Klischee des Superagenten-Frauenheldens zu umspielen, dabei sehr witzig aber nie albern zu wirken.

[foto: joachim dette]
Ella Gaiser sticht mit ihrer darstellerischen Leistung jedoch am deutlichsten heraus. Sowohl in ihrer Haltung, Mimik, Bewegung und Sprache passt sie 1:1 in die Rolle der NSA-Agentin. Sie verleiht dem Stück ein wenig Ernsthaftigkeit und sensibilisiert das Publikum für das Hintergrundthema des Stückes.

Nicht nur die oberflächliche Problematik der Geheimdienst-Affären spielen eine Rolle, sondern auch das entrückte Verhältnis von Raum und Zeit im Internet, wenn auf Plattformen wie Youtube im Minutentakt 400 Stunden an Videomaterial hochgeladen werden. Und nie wieder verschwinden. Im Internet steht die Zeit still. Die Menge an Daten und Informationen jedoch potenziert sich zunehmend. So finden auch einige philosophische und technologische Theorien und Gedanken ihren Weg in die Aufführung.

Das Ensemble und seine spielerische Leistung wird verstärkt durch Sophie Hutter, die als personifiziertes Google und als verrückte Katzenliebhaberin ebenso besteht, wie Anne Greta Weber, die als Beate Zschäpe und Talkshow-Moderatorin agiert. David Simon als unfähiger BND-Kollege und nordkoreanischer Diktator bei der „Ice-Bucket-Challenge“ komplettiert das Bühnenkollektiv. Sie alle schlüpfen in mehrere Rollen und meistern dies mit Bravour.

Was ebenfalls an eine Entrückung von Zeit und Raum grenzt, ist die Tatsache, dass das Stück von anderthalb Stunden Spieldauer in meinem Empfinden deutlich schneller verging, was immer ein gutes Zeichen ist. Das Ärgerlichste an der Inszenierung bleibt, dass die Fortsetzung wohl noch eine Weile auf sich warten lässt…

Nächste Vorstellungen: 25.02. und 19.03.2016 im Theaterhaus Jena

[felix schölzel]

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